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                                         »Galileo« im Störfeuer
  USA drohen Europäern, im »Krisenfall« Satellitennavigationssystem
          unbrauchbar zu machen. Heftiger Streit mit Brüssel

  Rainer Rupp

  US-Präsident George W. Bush hat dem Pentagon befohlen, Pläne auszu-
  arbeiten, um nicht nur den zivilen Teil des »Global Positioning
  System« (GPS) im Falle einer »nationalen Krise« vorübergehend abzu-
  schalten, sondern auch »ähnliche Systeme, die von anderen Nationen
  betrieben werden«. Damit können nur die EU und Rußland gemeint
  sein, die über solche Systeme verfügen bzw. sie entwickeln. Mit
  der Maßnahme sollen angeblich »Terroristen« daran gehindert werden,
  die weitverbreitete GPS-Technologie zu nutzen. Eine entsprechende
  Direktive habe Bush bereits am 8. Dezember unterschrieben, ließ das
  Weiße Haus jetzt wissen.

  Das unter Hoheit des Pentagon stehende GPS basiert auf einem Netz
  von 28 geostationären Satelliten und erfüllt militärische und
  zivile Funktionen. Einerseits werden damit z. B. US-Bomben und
  Raketen ins Ziel gelenkt, andererseits können zivile Benutzer des
  offenen und kostenlosen GPS-Signals rund um den Globus auf Land
  oder auf hoher See ihren Standort bis auf etwa 20 Meter genau
  bestimmen. Insbesondere in der weltweiten zivilen Luftfahrt und
  Handelsmarine ist GPS inzwischen überlebenswichtig geworden.

  In seiner militärischen Nutzung ist GPS auf ein bis drei Meter
  genau. Auch Rußland verfügt über ein ähnliches, aber weniger
  weltumspannendes System, das es von der Sowjetunion geerbt hat.
  Für zivile Anwendungen scheint es nicht zur Verfügung zu stehen.
  Dagegen soll das 3,5 Milliarden Euro teure europäische Galileo-
  System hauptsächlich zivilen Zwecken dienen. Ab 2008 soll das
  mit 30 Satelliten arbeitende, dem US-GPS technisch überlegene,
  aber dafür kostenpflichtige Galileo-System mit einer Genauigkeit
  von einem Meter dem zivilen GPS Konkurrenz machen. Bereits
  nächstes Jahr soll der erste Satellit ins All geschossen werden.
  China, Indien und andere Länder haben zum Leidwesen der USA
  inzwischen Interesse bekundet, sich mit Investitionen am Galileo-
  Projekt zu beteiligen.

  Bereits Anfang des Jahres hatte es zwischen der EU und den USA, die
  ein unabhängiges europäisches System mit allen Mitteln verhindern
  wollen, heftigen Streit gegeben. Insbesondere der französische
  Präsident Jacques Chirac, der vor einem europäischen »Vassallen-
  status« gewarnt hatte, setzte sich jedoch für die Durchführung
  des Projektes ein. Im Frühjahr war es daraufhin zu einer Einigung
  gekommen, bei der Brüssel gegenüber Washington zu etlichen Konzes-
  sionen gezwungen wurde. So erklärte sich die EU u. a. bereit, die
  Frequenzen für Galileo zu ändern, um amerikanische Bedenken auszu-
  räumen, daß die vom US-Militär genutzten GPS-Frequenzen von Gallileo
  überlagert und so US-Kampfeinsätze gefährdet werden könnten.

  Im Herbst spitzte sich der Streit weiter zu. Bei einer Konferenz
  des britischen Militärinstituts Royal United Services am 11. Oktober
  kam es zu einem Zusammenstoß zwischen Europäern und US-Amerikanern,
  nachdem letztere gedroht hatten, gegen Galileo »unumkehrbare Maß-
  nahmen« zu ergreifen, um »feindlichen Kräften« im Krisenfall den
  Zugang zu Galileo zu verweigern.

  Noch vor wenigen Jahren hatte Washington die Entwicklung von Galileo
  mit dem Versprechen zu verhindern gesucht, daß die USA niemals GPS
  abschalten würden. Das hat Washington inzwischen bereits zweimal
  getan, wenn auch regional beschränkt - während der Angriffskriege
  gegen Jugoslawien und Irak. Wenn das Weiße Haus nun plant, auch die
  Systeme befreundeter Länder abzuschalten, ist dies völkerrechtlich
  zweifelsfrei ein kriegerischer Akt.

  junge Welt vom 18.12.2004